VIRTUAL CHOIR

VIRTUAL CHOIR ist eine künstlerische Projektentwicklung des Kollektivs neue raeume; aus Leipzig und Dresden mit dem Ziel, ortsunabhängig im Medium der Virtual Reality (VR) eine soziale Technologie der Zugehörigkeit zu entwerfen unter Berücksichtigung performativer Aktion und virtueller Begegnung, die durch lokale Workshops an verschiedenen europäischen Orten IRL unter Einbindung diverser Akteuer*innen 2021/2022 umgesetzt werden wird.

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Ziel

Unser zentrales Ziel ist die Entwicklung einer sozialen Technologie der Zugehörigkeit und des Mit-Einanders (technology of belonging) unter dem Titel VIRTUAL CHOIR. Diese Zielstellung bezieht sich sowohl auf die interaktive VR-Installation als auch auf die Projektdurchführung, d. h. WIE die Workshops und Zwischenpräsentationen sich ereignen.

Ästhetische Dimension

Durch VR-Medientechnologie wollen wir eine virtuelle Landschaftsform kreieren, die Emotionsformen nicht manipuliert. Vielmehr stellt sie eine Methode für ganzheitliche Erfahrungen zwischen uns und unserer sozio-technologischen Situation dar. Unsere experimentelle Praxis mit den Verkörperungsdimensionen von VR zielt auf die propriozeptiven und synästhetischen Fähigkeiten des Menschen ab: Der entstehende Ermöglichungsraum mit VR soll das Gefühl des “In-der-Welt-Seins” katalysieren und somit für die Selbst- und Fremdwahrnehmung sensibilisieren. Mit dem veränderten Blick auf Selbst und Welt sollen Akteur*innen ihre eigene gewohnheitsmäßige Wahrnehmung und Annahmen über das Sein in der (digitalen) Welt in Frage stellen. Ziel ist es, die Erfahrung, ein lebendiger Körper im Raum zu sein, zu stärken und leibliche wie technische Potenziale zu entfalten. Daher liegt die Betonung auf der Bedeutung von virtueller wie leiblicher Bewegung im Kontrast zur starren Identität.

Ethische Dimension

Anstatt Medientechnologien nur als Werkzeug zur Erreichung eines Ziels zu betrachten, begreifen wir diese als eine Existenzweise. Daher kennt eine soziale Technologie der Zugehörigkeit keine programmatischen Zuweisung wie Master oder Slave und hat keine (Be-)Nutzer*innen. Stattdessen performen Akteur*innen, die durch ihre individuellen (E)Motionen mit Medientechnologien ko-existieren und ko-evolvieren. Wir wollen mit VIRTUAL CHOIR eine mediale Gebrauchsweise entwickeln, mit der gemeinsam getragene und abgestimmte Verantwortung ge- und verteilt ist. Die Anerkennung und Würdigung von eigener wie fremder (technischer) Agency (Wirkung unseres Handelns) zielt auf die Bildung eines Ethos des Sorge-Tragens für unser sozio-technologisches Kollektiv.

Politische Dimension

Die Gestaltungsmöglichkeiten implizieren die Definition von Räumen, die Setzung von Machtstrukturen und evozieren damit politische Antworten, bspw. im Modellieren ganzer Navigationsstrukturen. Im Gegensatz zu klassischen Computerspiel-Szenarien, in denen der Aufforderungscharakter dem Computerspielenden vertraute Interaktionsmuster abverlangt, soll VIRTUAL CHOIR durch seinen offenen Charakter einerseits zum spielerischen Entdecken motivieren und andererseits die Akteur*innen auf eine Achtsamkeitspraxis fokussieren. Insofern wird das Interface nicht als Kontrollinstanz verstanden, sondern als ein diplomatischer Aushandlungsort. Ziel ist es, VIRTUAL CHOIR für jede lokale, partikulare Situation (in den Partnerstädten, mit behinderten Menschen, mit Flüchtlingen, etc.) insoweit zu verändern, damit stets eine magische Situation der Zugehörigkeit für die Akteur*innen entsteht.

Künstlerische Grundidee

VR-Medientechnologie ist ein anti-optischer Apparat, weil sie grundlegend unsere Eigenbewegung herausfordert und synästhetische Fähigkeit fördert. Die Idee ist es daher, dass der „Chor“ (gr. χορός, khoros = Tanz) aus menschlichen und nicht-menschlichen (technischen) Akteuren durch sich bewegende Körper eine inklusive, multisensorische Klanglandschaft erzeugt. Wir nehmen an, dass insbesondere durch die stärkere Einbeziehung der körperlichen Selbstbewegung eine immersive “Ergriffenheits-Beziehung” zwischen uns und der VR-Umgebung entstehen kann.

Aus bisherigen VR-Projekten wissen wir, dass zur Schaffung eines inklusiven Raumgefühls weder der hartkantige Realismus der meisten 3D-Computergrafiken oder eine lebendige, surreale Bildqualität noch die räumliche Abgrenzungen durch ein vertrautes, kartesisches Koordinatensystem notwendig sind. Stattdessen favorisieren wir eine visuelle Ästhetik, die semi-gegenständlich/ semi-abstrakt und durchscheinend ist und aus halbtransparenten Texturen und fließenden Partikeln besteht. Diese Darstellungsweise – sowie auch die leiblich-durchdrungene Navigation durch den Raum – dient eher der „Evozierung“ eines verkörperten Lebens als der Illustration und Simulation. 

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COSMOTIC
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COSMOTIC
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COSMOTIC

Der begrenzt offene Charakter wird innerhalb der VR-Umgebung durch folgende Rahmenbedingungen deutlich: Der/die jeweilige Akteur*in situiert sich in einer amorphen, dynamischen Form, die sich mit deren/dessen virtueller Fortbewegung verformt. Je nachdem, wo der/die Akteur*in sich in dieser Form befinden, werden unterschiedliche Soundflächen aktiviert und diese durch Körperbewegung modifiziert. Bildwelten, die metaphorisch an Natur erinnern, erscheinen, zergehen und bewegen sich ebenfalls mit der virtuellen und leiblichen Bewegung: eine Lichtung, ein Wald, ein Feld, ein Teich, eine Wüste, unterirdische Höhlen, Berge und Täler, deren Soundtexturen durch Körperbewegung ausgelöst und modifiziert werden bzw. Bäume, Blätter und Wolken, die einzelne Klangobjekte darstellen und durch Körperbewegung zu Melodien und Rhythmen führen.

Die gleiche Bewegung soll niemals den gleichen Effekt haben, d.h. die Art, wie die Körperbewegungen mit der flexiblen Wahrnehmungsarchitektur übersetzt werden, ist nicht linear. Die Relation zwischen Akteur*innen und der Klanglandschafft darf weder komplett zufällig wirken, noch absolut kontrollierbar sein und soll dennoch stets ein Gefühl der Zugehörigkeit erzeugen. Es geht darum, ob die Akteur*innen ihren Augen und Interaktionen mit der Welt trauen; Vertrauen in die eigenen Interaktionen und Welterfahrung haben.

Videodokumentation vom VR-Projekt latenzia

Umsetzung 

Prototypische Entwicklung

Mit der prototypische Entwicklung werden die künstlerischen Ideen in Zeichnungen und Modelle übersetzt, um eine gemeinsame Sprache innerhalb des Entwicklungsprozesses zu etablieren. Gemeinsam erforscht und entwickelt werden technische Schnittstellen zwischen VR-Technologie, Kinect-Kamera (und weiterer Sensorik) sowie den Entwickler-Umgebungen Unity3D, Blender und SonicPi. Alle Software-Entwicklungen werden soweit möglich als Open Source auf gitlab zur Verfügung gestellt und entsprechend detailliert dokumentiert.

Für das Kern-Team steht einerseits zur virtuellen Kommunikation die Plattform Slack zur Verfügung sowie zweimal monatlich eine Zoom-Videokonferenz für detaillierte Gespräche und Abstimmungen. Andererseits wollen wir uns mind. dreimal im Jahr zu einem Hackathon treffen, um erarbeitete Zwischenergebnisse zusammenzuführen und zu testen.

Videokonferenz – Teambesprechung zu COSMOTIC

Workshops

Mit den Workshop-Teilnehmenden (sowie zu den Zwischenpräsentationen) wollen wir einen non-formalen Lernprozess katalysieren. Für das Ziel eine soziale Technologie der Zugehörigkeit zu entwickeln, bedeutet das, besonderen Fokus auf die Methodik, d.h. auf den Ethos (die Praxis) zu legen. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Sensibilisierungsaktivitäten, in denen eigene Bewegungen, Empfindungen und Erfahrungen durch das Experimentieren, Ausprobieren, Testen und Üben in und mit der VR-Umgebung von VIRTUAL CHOIR verbalisiert und reflektiert werden. Eine soziale Technologie der Zugehörigkeit spricht Akteur*innen unter dem Gesichtspunkt dessen an, was diese durch ihre Zugehörigkeit in einer konkreten medialen Situation tun, denken und fühlen und wie dies Effekte haben kann. Es geht nicht darum, WAS wir erleben, sondern WIE wir unsere sozio-technologische Situation bzw. die (virtuelle) Umgebung erfahren. 

Neben der Beantwortung inhaltlicher und fachlicher Fragen werden wir über Eigenheiten, Widerstände und Unbestimmtheiten technischer wie menschlicher Akteur*innen und den sich daraus ergebenden Interaktionen reflektieren, um uns der medientechnologischen Bedingungen unseres Seins und Werdens in der Welt bewusst zu werden. Das bedeutet, dass den Workshop-Teilnehmenden sowie den Akteur*innen in den Partnerstädten durch Sensibilitäts-Aktivitäten, medien-ökologische Werte vermittelt werden, wie Vielfalt in der Wahrnehmung und Praxis, Fürsorge für sich selbst und das (technische) Andere, die gemeinsame, geteilte Verantwortung sowie die Anerkennung des Wirkens menschlicher und nicht-menschlicher Akteure in der Konstruktion und Erfahrung von Realität.

Zwischenpräsentationen in den Partnerstädten

Die Erfahrungen, Hoffnungen der Akteur*innen sowie deren Wünschen für die Zukunft werden ernst genommen. Wir evaluieren gemeinsam, wie diese in VIRTUAL CHOIR einfließen können. Bei den Zwischenpräsentationen wollen wir die VR-Schnittstelle insofern bereichern, dass die verschiedenen Potenziale von Körperbewegungen und Erfahrungen von Mensch mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen bzw. mit Behinderung zu neuen Entwicklungsschritten führen. Auf diese Weise können wir tatsächlich eine inklusive Technologie der Zugehörigkeit gestalten.